Putin, ein Raubkopierer?

"Tuschi erkämpfte sich das erste Interview von Angesicht zu Angesicht, das Chodorkowski in der Haft geben durfte."

 

DIE WELT

Autor: John Gebhardt

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09.02.2011

Putin, ein Raubkopierer?

Am Montag soll der Chodorkowski-Film auf der Berlinale Premiere feiern. Doch zwei Kopien wurden bereits gestohlen. Eine Begegnung mit dem Regisseur Cyril Tuschi

Tuschi erkämpfte sich das erste Interview von Angesicht zu Angesicht, das Chodorkowski in der Haft geben durfte

Cyril Tuschi schlägt vor, sich in einem Restaurant mit Schweizer Küche zu treffen. "Fingerli" und "Güggeli" stehen auf der Speisekarte, das klingt beruhigend niedlich. Vielleicht ist die Wahl des Ortes ein Zeichen für Tuschis Sehnsucht nach eidgenössischer Neutralität - jetzt, wo der Regisseur mit seinem Dokumentarfilm "Khodorkovsky" über den inhaftierten russischen Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski zwischen die Fronten geraten ist. Und das, noch ehe das Werk am kommenden Montag seine Weltpremiere auf der Berlinale erlebt.

Über den Einbruch in seine Produktionsräume, bei dem ihm vergangenen Freitag wie schon zuvor im Urlaub auf Bali Computer und Festplatten mit Filmmaterial gestohlen wurden, möchte Tuschi gar nicht mehr reden. Zur Sicherheit wohnt er bei Freunden. Lenkt sich mit der Arbeit an letzten Farbkorrekturen und Untertiteln ab. Stattdessen erzählt er lachend einen Witz, den er in einem russischen Blog gelesen hat: "Da stand: ,Putin wollte deinen Film sehen und hat ihn auf seine Art illegal runtergeladen.'"

Weniger amüsant findet er die aufbauschende Berichterstattung in russischen Zeitungen. Dort werde behauptet, dass durch den Film sowohl über Chodorkowski als auch den Kreml kompromittierendes Material zum Vorschein kommen könne. "In der Blogosphäre in Russland flippen die jetzt aus", sagt Tuschi. Anhänger Chodorkowskis schimpften im Internet, der Film werde ihm auf jeden Fall schaden. "Zuerst mal: Ich bin nicht gekauft. Keiner Seite verpflichtet", stellt Tuschi fest. Er könne die Aufregung auch nicht nachvollziehen, denn enthüllend sei sein Film vor allem in einer Hinsicht: "Ich zeige nur, dass Chodorkowski ein Mensch ist und kein Heiliger."

Dass es nun so einen Tumult um ihn gibt, behagt Tuschi gar nicht. Nennt er sich doch selber einen "Harmonisten", den seine Freundin gar als "Allesversteher" bezeichnet. Wenn man mit ihm durch seinen Berliner Kiez zwischen Hackeschem Markt und Torstraße läuft, wo er seit vielen Jahren lebt, stoppt er an jeder Ecke für ein Schwätzchen mit Bekannten. Er erinnert an eine sympathische Mischung aus Zwanziger-Jahre-Flaneur und Hippie-Gaukler - der im Moment einen sehr russisch anmutenden Kinnbart trägt.

Wieso hat er sich an ein so brisantes Thema gewagt? Als gelernten Spielfilmregisseur habe ihn vor allem das menschliche Drama angezogen, das mit Chodorkowski und seinem Erzfeind Putin Charaktere von Shakespeare-Format biete, erinnert sich Tuschi. "Mein Hauptinteresse an Chodorkowski war dabei: Warum hat so ein scharf und strategisch denkender Mensch diesen Fehler gemacht?" Trotz warnender Signale und der Verhaftung seines Geschäftspartners Platon Lebedew war Chodorkowski 2003 nach Russland zurückgekehrt. "Warum ist er nicht lieber mit viel, viel Geld ins Exil gegangen?" Bis heute hat Tuschi keine endgültige Antwort gefunden.

Mit zäher Beharrlichkeit brachte Tuschi viele vor seine Kamera. Vertraute Chodorkowskis wie seine rechte Hand Leonid Newslin oder Michail Brudnow, die sich nach Tel Aviv gerettet haben. Spekulanten und Kreml-Berater. Chodorkowskis Mutter, seine Ex-Frau, seinen Sohn. Dabei zahlte der blutige Dokumentarfilm-Anfänger auch Lehrgeld: "Ich dachte, um etwas über Chodorkowski zu erfahren, müsste ich seine Eltern kennen lernen. Da habe ich seine Mutter einfach gefragt: 'Kann ich mal zwei Wochen bei euch wohnen?'" Dem offenherzigen Tuschi erschien so eine Bitte normal. "Voll idiotisch! Plötzlich hatte sie Angst vor mir. Das war ein Schritt zu weit in ihre Privatsphäre", gibt der 41-Jährige zu.

Mit seinen Interviewaufnahmen liefert Tuschi, dessen russische Urgroßeltern einst eine Badewanne für den Zar bauten, einen interessanten Einblick in das so schwer greifbare Nachfolgereich der zerfallenen Sowjetunion. En passant schildert Tuschi Chodorkowskis Aufstieg in den neunziger Jahren: Vom unauffälligen Mitläufer des Komsomol, der kommunistischen Jugendorganisation, entwickelte er sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einem der reichsten Männer der Welt. Als Chef des in der Jelzin-Ära ertricksten Ölkonzerns Jukos wandelte er sich dann mehr und mehr zu einer Art Petro-Paulus. Er stritt für unternehmerische Transparenz, Bildungsförderung und weitere Öffnung nach Westen. Und er begann, jene Kreml-Korruption offen anzuprangern, von der er einst selbst profitiert haben dürfte.

Damit machte Chodorkowski sich den von den Oligarchen unterschätzten Wladimir Putin zum Feind. Für den damaligen Präsidenten galt: Ich breite den Mantel des Schweigens über die zwielichtigen Ursprünge eures Erfolgs - und ihr verzichtet auf Kritik an meiner Staatsführung. Putin mag zudem gespürt haben, dass Chodorkowski sich für den besseren Lenker und Denker hält, meint Tuschi: "Ich glaube, dass Chodorkowski schon lange insgeheim nichts Geringeres wollte, als Russland zu retten. Und er sah sich auf einer höheren Stufe als den Präsidenten." Dieses Überlegenheitsgefühl habe er auch in seiner Zelle bis zum heutigen Tag nie verloren.

Das bleiben allerdings Spekulationen. Obwohl Tuschi sich das erste Interview von Angesicht zu Angesicht erkämpfte, das Chodorkowski in der Haft geben durfte, gelangte er nicht hinter dessen kontrollierte Fassade. "Das war schon vorher so, etwa, als ich ihn in einem Brief fragte, ob sich seine Träume im Gefängnis unterscheiden von denen draußen. Er schrieb nur: ,Ich habe keine Albträume. Die Leute, die mich ins Gefängnis gebracht haben, sollen Albträume haben.'"

So bleibt der erhellendste Moment des Films dem deutschen Ex-Außenminister Joschka Fischer vorbehalten. Fischer erzählt vor Tuschis Kamera von einem Treffen Putins mit Kanzler Schröder und ihm. Als man im Hamburger Hafen an Bord eines Schiffes gesellig zusammensaß, sei Putin auffallend gut gelaunt gewesen. Die Zwangsversteigerung von Jukos stand bevor - und der russische Präsident malte seinen Gastgebern fröhlich die Winkelzüge aus, mit denen sich der Staat das Unternehmen geschickt einverleiben könne. Wenig später landeten große Jukos-Teile im Besitz des staatlichen Ölunternehmens Rosneft, das wiederum bald mit Gazprom fusionierte.

Kein Wunder, dass Schröder, mit Gazprom geschäftlich verbandelt, einem Interview mit Tuschi eine Absage erteilte. Fischer dagegen stellte sich entspannt der Frage Tuschis, wie weit die deutsche Realpolitik mit ihren Wirtschaftinteressen angesichts von Menschenrechtsverletzungen denn gehen dürfe. Diesen Konflikt könne man nicht schnell und einseitig lösen, beschied Fischer altersweise. Und attestiert dem Regisseur, diesbezüglich reichlich "naiv" zu sein.

Der so gerügte Tuschi schreckt erst mal vor weiteren filmischen Ausflügen in die Weltpolitik zurück. Nun will er lieber einen Roman verfilmen: "Lauf Jäger lauf", das 2002 erschienene Debüt von Henning Ahrens. Darin folgt ein argloser Bursche einem Fuchs in den Wald und landet inmitten einer Horde gefährlicher Gestalten. Ein naiver Neugieriger, den es in ein böses Horrormärchen verschlägt: Eigentlich genau das, was Tuschi gerade am eigenen Leib erlebt.